Ein ungleiches Paar. Hupperts oder Verhoevens „Elle“?

Ob es uns gefällt oder nicht, Isabelle Huppert ist zumindest für die heutige Kinematographie eine solitäre Ikone. Das besagt einiges über ihre minimalistische Spielweise, aber auch über den Zustand des gegenwärtigen Kinos. Sie hatte Glück, weil sie eine Französin ist. Sie hatte Glück, weil sie weder über die räkeligen Mannequinmaße einer Emmanuelle Béart verfügt, noch über den Kuschelfaktor einer Audrey Tautou. Stattdessen konnte sie sich spätestens mit Godards Rette sich wer kann (das Leben) als Darstellerin trotzig der männlichen Dominanz widerstrebenden, zwischen Objekt und Subjekt schwankender Frauencharaktere etablieren, ein Bild, auf dessen Vielschichtigkeit und Undurchsichtigkeit einige nachfolgende Regisseure zurückgriffen. Nicht zuletzt hatte sie Glück, als späte Stammschauspielerin Claude Chabrols noch einen Nachgang der Nouvelle Vague auskosten zu dürfen, mitsamt seiner hintergründigen Präzision. Und sie hatte Verstand, sich immer wieder eine Art von Erzähl- oder Gefühlskino herauszupicken, dessen Bilder den Zuschauer trotzdem nicht durch weichgezeichnete Konturen und Pastellfarben einhüllen.

Nun hat sie das Glück im Unglück, in Paul Verhoevens nach der Vorlage von Philippe Dijan realisierter Elle einen denkwürdigen Drahtseilakt vollführen zu dürfen. Der Film, den sie zusammenhält und beinah zu einer Geschichte macht, beginnt ähnlich wie der René Clements Thriller Der aus dem Regen kam aus dem Jahre 1970 mit einer Vergewaltigung der Heldin im Gartenzimmer des eigenen Hauses. Der maskierte Täter entkommt, die ramponierte Hausherrin Michèle beseitigt die Schäden am Haus und eigenen Leib, teilt das Ereignis ihren Freunden bei einem Restaurantessen mit, ohne es jedoch bei der Polizei anzuzeigen. Stattdessen nimmt sie mehr oder weniger unfreiwillig die Verfolgung selber auf. Der Vergewaltiger hilft dabei, indem er sie mit schlüpfrigen SMS versorgt.

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Michèle betreibt gemeinsam mit ihrer Freundin Anna (wie so oft zweitbesetzt: Anne Consigny) ein Videospielunternehmen und beschäftigt sich gerade mit der Entwicklung eines gewalttätigen Sexspiels, dessen Protagonisten uns bei seiner Vorführung beinah aus der Leinwand anspringen. Ansonsten hat sie ein schwankendes Bettverhältnis mit Annes Lebensgefährten. Die weitere Entwicklung ist auch sonst vollgepumpt mit skurrilen Figurenkonstellationen – die frömmelnden jungen Nachbarn mit einer kompletten Menagerie an Heiligenstatuen, der untergebutterte Sohn, dem seine zickige weiße Mädchenfrau ein schwarzes Kuckucksei ins Nest legt, Michèles hinfällige schönheitsoperierte Mutter mit ihrem jugendlichen Verlobten. Last not least sitzt ihr Vater seit Jahrzehnten wegen Mordes an etwa dreißig Kindern ein, sie war als Zehnjährige natürlich dabei. Ein Sammelsurium wie geschaffen von und für einen – ob genuinen oder ironischen – Almodóvar. Anders als bei Almodóvar können sich aber diese Stilblüten nicht entfalten, da der Rhythmus des whodunnit Krimis trotz einer Métrage von hundertdreißig Minuten die Sache gnadenlos wiewohl nicht immer gezielt weitertreibt, und sie bleiben somit eine Staffage letztlich unangenehm knirschender Effekte. In zwei Dritteln des Filmes ist der Vergewaltiger bekannt, ein sadomasochistisches Spiel zwischen den beiden geht weiter, was zweifellos provokant wirkt und – in der Ära von Fifty Shades Of Grey – durchaus werbewirksam auf Provokation ausgelegt ist.

Laut Sidney Lumets strukturalistischer Definition ist Melodram ein Gebilde, das sich, im Gegensatz zu Komödie und Tragödie nicht aus den Charakteren entwickelt, sondern durch äußere Gegebenheiten. Diese Gegebenheiten springen einem bei Elle klar als die Vorgaben des manipulativen Drehbuchs ins Auge. Es ist ein Thriller und soll einer sein, schielt allerdings ambivalent nach Psychothriller. Für jemanden, der Isabelle Huppert aus Claude Chabrols Frauensache im Gedächtnis hat, ist der Konflikt zwischen ihrer innigen Darstellung und den aufblitzenden Gimmicks des Blockbuster-Regisseurs immer wieder gewöhnungsbedürftig. Wie soll der Zuschauer zwischen den Zeilen ihres Understatements lesen, wenn der nächste Vorschlaghammer etwa in Gestalt einer physiologisch schwerlich praktikablen Gewaltszene hinterm Vorhang lauert? Immerhin, auch so ist es ein Ereignis, der übrigens für die Rolle mit dreiundsechzig Jahren grenzwertig alten Schauspielerin zuzuschauen. Kaum jemand hat wie sie begriffen, daß Figuren in dauerhaftem schauspielerischem Hochstatus, das heißt ungebrochener Dominanz, höchstens unfreiwillige Tragik und vor allem begrenzte Tiefe etwa eines John Wayne entwickeln können. Und so opfert sie sich für den Film auf, nimmt exponierte Szenen auf sich, angefangen mit Masturbieren beim Beobachten des Nachbarn bis zu obsedanten Wiederholungen der Vergewaltigungsszene ob als traumatische Erinnerung, als erotische Phantasie, als reales sexuelles Spiel mit nachfolgenden nicht enden wollenden orgasmischen Konvulsionen. Die Stütze und Berechtigung für das Ganze ist das Aufzeigen einer Person, die um ihre Haltung und Selbstbestimmtheit ringt. Sicherlich war ihre Darstellung in Hanekes Klavierspielerin eine Inspiration. Aber womöglich hat sich die Schauspielerin in Elle bislang am weitesten hinausgewagt. Die Interaktion zwischen Huppert und Verhoeven ergibt eine gar nicht so entfernte Replik des Spiels zwischen Michèle und ihrem Vergewaltiger. Was kommt – oder was geht noch – als nächstes?

 

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