Oscar. Für einen kürzeren Toni Erdmann!!!

„Kill your darlings“ ist das Erste, womit einen die Studenten der Filmklassen überfallen, wenn das Gespräch auf den Schnitt kommt, meistens ohne genau sagen zu können, ob das Zitat nun von Steven Spielberg oder Daniel Radcliffe herrührt. Cutter ist im Filmgewerbe ein relativ unscheinbarer Beruf, dafür umso ausschlaggebender. Nicht selten wird er von einem ehemaligen oder zukünftigen Regisseur ausgeübt. Der directors cut wiederum, wenn er nicht als Reaktion auf die Willkür der Studiobosse besorgt wurde, ist oft langatmig und mit überzähligen Darlings behaftet. Der Regisseur nämlich klebt an seinen Visionen, die entweder in die Geschichte sich nicht hineinfügen wollen oder von der Kamera gar nicht eingefangen worden sind und neben den tatsächlich besorgten Sequenzen imaginär einherwabern. Exemplarisch können wir dann das Misslingen des directors cut an Coppolas  Apokalypse Now studieren, in dem die französische Episode trotz der schönen nackten Aurora Clément im vietnamesischen Dschungel überflüssig wie ein Kropf ist. Oder an Wajdas für die DVD-Ausgabe neu geschnittener Version von Das gelobte Land, die den dramaturgischen Bogen zerstört zugunsten eines eintönigen, auf den Zuschauer pathetisch-apokalyptisch einhämmernden Overkills an frühindustriellen Bildern.

Letztes Jahr kam Toni Erdmann in die Kinos, eine deutsche Komödie mit subtil depressivem Unterton. Sie handelt von einem pensionierten Musiklehrer, der nach dem Ableben seines Hundes nun seine Tochter, eine in Bukarest operierende Unternehmensberaterin, auf der Arbeit überfällt und in eine Reihe peinlicher Situationen bringt. Das Thema ist nicht weit entfernt von Johannes Nabers Zeit der Kannibalen (2014), wobei Nabers Film, eingeengt auf die Interna der Ökonomisierer, nun alles andere als nett, eher etwas für die Nieren ist. Wohingegen die Geschichte zwischen der kannibalisch kapitalisierten Tochter und dem leicht vertrottelten Vater eindeutig etwas fürs Herz bietet.

Die Regisseurin Maren Ade hat in einem Interview selbst Bedenken geäußert, ob das Publikum die knappen drei Stunden mitgehen würde. Leider hat sie sich, was den dramaturgischen Bogen der Geschichte angeht, bei dieser Einschätzung am Schneidetisch oder im Vorführraum, wohl nicht vollständig getäuscht. Jeder Schauspieler hat ein gewisses, mehr oder minder beschränktes Repertoire. Fürs Theater wie fürs Kino heißt neben den Darlings die andere Devise: verschieße dein Pulver nicht in schon in der ersten Hälfte. Der Zuschauer wird deiner Gesten und Tonfälle irgendwann müde, wenn sie nicht weiter führen.

 

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Eine Zeitlang ist es amüsant, dem liebenswürdig ungelenken Vaterbär, der dem deprivierten Lebensentwurf seiner Tochter an jeder möglichen und unmöglichen Ecke dieses mal modern aufpolierten, mal verfallenen Bukarests im Wege steht, zu folgen. Umso mehr, als der zu einem lebenden Fragezeichen mutierte Peter Simonschek und die beherrscht am Rande des Abgrunds balancierende Sandra Hüller verhalten und zugleich exakt agieren, und auch die Regie nicht auf die Tube drückt. Aber irgendwann dreht sich Simonsicheks Zähne-Herausnehmen-und-wieder-Einsetzen im Kreis, nach zwei Stunden kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, einem Katalog immer gleicher werdernder Gesichtsausdrucke und Situationen zu folgen, die im Grunde nur ein Gesicht und eine Situation sind. Die dargestellten Lebensäußerungen haben sich abgeguckt. Und da harrt noch eine dritte Filmstunde auf uns. Maren Ade hat vieles richtig gemacht. Sie hat sich aber eine Cutterin geholt, die ihr nicht genug Widerstand geboten, oder der sie keine Leine gelassen hat. Der Regisseur muss das Potential seines Stoffes einschätzen können. So wird die prätentiöse Schlagseite des eigentlich unprätentiösen Films – seine Länge. Eine Stunde weniger, und das Ergebnis käme bedeutend schärfer und tragikomischer daher.

Unter den deutschen Kritikern indessen ist eine Euphorie wie beim Anblick der Fußballelf von Jogi Löw ausgebrochen. So wird der Film zum zweiten Mal ins Übermaß aufgeblasen. Wir sind Oscar (in spe)! Man hat das Gefühl, wir können es herbeischreiben. Sollte man vielleicht nicht Angela Merkel da einschalten? Schließlich wird sie doch gelegentlich mit Donald telefonieren. Zumal sie ihn schon im ersten Telefonat über Politik und Welt belehrt hat. Da ist noch was drin. Und auf Seiten, wo Filme mit wie auch immer geartetem Punktesystem bewertet werden, sind die Höchstmarken wie im Eiskunstlauf ausgebrochen. In einer der Kritikerumfragen erhielt der Film 95%. Wieviel würden Citizen Kane oder Der große Diktator bekommen? 85%? Ich gebe 79. Damit sie mir nicht allzu vorlaut an meinem Toni kratzen.

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