Die Faust von Frank Castorf

Es ist ein Abgesang. Der Wiener Bühnenverein hat ihm letztes Jahr einen Nestroy-Preis fürs Lebenswerk verpasst. Jetzt, da der fünfundsechzigjährige Castorf im Abgang noch einmal jungenhaft die Faust gegen die Politik und den künftigen Eventbetrieb reckt, die ihn von seinem gekaperten Stammsitz nach noch nicht einmal sechsundzwanzig Jahren vertreiben, kann der eine oder andere ihn bedenkenlos mit Lob überschütten.

Die Bühne ist nun das gesamte Große Haus, die Sitzreihen wurden von schäbigen Plastikstühlen ersetzt, und vor allem die Stufen abgebaut, der steil ansteigende Betonboden stellt dadurch manchen mitgealterten Castorf-Afficionado vor schenkelhalsgefährliche Gehprobleme. Die Wände sind wieder oder immer noch von schwarzen Papierfransen behängt. Zu drei Vierteln okkupiert die Bühne im engeren Sinn ein drehbarer Kubus, der von einer Seite den Eingang in eine französische Geisterbahn namens l´enfer darstellt, von der anderen die Pariser Métro-Station Stalingrad, von der dritten einen Hauch von China Town oder algerischem Bordell… Wir befinden uns im Algerien-Krieg, denn der deutsche Faust ist ein französich-algerischer homo colonialis, was nicht weniger gewichtig und schlüssig daherkommt als in den Siebzigern die Interpretationen Kafkas vom Standpunkt des Klassenkampfes aus. Jedenfalls ist der Kubus vergnüglich anzuschauen, umso mehr wenn er sich später um die Achse dreht. An seinen Wänden verfolgen wir die Schauspieler als verwackelte Videoprojektionen aus dessen Innerem oder aus den engen Korridoren an seinen Seiten. Ein bunt durcheinandergewürfeltes Treiben, Brüllen und Schmusen und Prügeln und Sich-Rollen, das in einem Kino kaum einer der hier brav verharrenden Zuschauer auch nur eine Viertelstunde ertragen würde, huscht da über die Leinwände. Mit anderen Worten rollt da die auf die Spitze getriebene, aber deshalb nicht weniger ausgeleierte, beileibe nicht nur Polessche und Castorfsche Video-itis. Das Palavern wird im Viertelstundentakt durch unabdingbare Schulungen ergänzt, weil „das mephistophelische Prinzip der Negation, dem Faust als moderner Unternehmer sich verschreibt, faktisch das Prinzip der politischen Ökonomie bedeutet“. An der einen oder anderen Stelle kommen Einstreusel von Goethes Text auf. Merkwürdig, wie unsinnlich auf die Dauer dieses Bramarbasieren aus zweiter Hand wirkt, selbst wenn es neben den Volksbühnenschauspielern eine streckenweise halbnackte Portugiesin und Ghanesin aufzuppepen versuchen. Man ist schon dankbar, wenn gelegentlich zwei leibhaftige – ohne Video freilich auf Menschenmaße verkleinerte – Schauspieler aufs Proszenium und mittels welchen Theatertextes auch immer mit dem Publikum doch in überkommener Manier in Kontakt treten. Zumal wenn Martin Wuttke als Faust geschlagene fünf Minuten einen wackelpeterigen Dildo durchschüttelt.

Nach der Pause gegen elf Uhr abends beharken sich die Leinwandfiguren gerade mit dem koketten Satz: „Was soll der Quatsch!?“ Und irgendwo in der fünfzehnten Reihe ruft jemand gleichsam aus Kindermund zurück: „ja, was soll der Quatsch!“ Die Vorstellung hat um sechs Uhr angefangen – also hat der Zwischenrufer fraglos Sitzfleisch bewiesen, und es wird selbst bei guter Führung mindestens noch weitere zwei Stunden gesessen. Die mephistophelische Frage „wozu all die Rackerei?“, gewinnt plötzlich ihren durchschlagenden Sinn. Kritiker wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel mögen sich in Elogen, Analysen und Apologien ergehen wie „Genialisch, schluffig, aggressiv, assoziationswütig, so wie man ihn kennt und liebt und oft nicht aushalten kann.“ Den gesamten anthropologischen Über- und Unterbau in Ehren, was uns Castorf da sieben Stunden lang bietet, ist mit Verlaub – auch diese Erkenntnis ist nichts Neues – weniger Theater als selbstreferentieller Potlatsch.

Irgendwann hatte die Volksbühnen-Ästhetik begonnen als ein Aufbegehren gegen das bürgerliche Repräsentationstheater einschließlich dessen sozial-charitativen Komponente, wie es etwa derzeit in Bezug auf Migranten gepflegt wird. Nur vor dessen Hintergrund ist sie in weiten Teilen verständlich und funktional, als dessen Bilder- und Götzenstürmer. Aber mittlerweile hat es sich ziemlich ausgestürmt, und das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz ist selbst zum Repräsentationstheater von Alt-Prenzelbergern und -Friedrichhainern mutiert. So unvorstellbar, ja ungehörig es denen erscheinen mag, es gab eine Zeit vor Castorf, und es wird eine nach ihm geben.

3 Gedanken zu “Die Faust von Frank Castorf

  1. Reiner Schmedemann

    Es wird eine Zeit nach Castorf geben. Aber Castorf hat neue Akzente im Theater geschaffen. Castorf hat Neues möglich gemacht. Ohne Castorf wäre das Theater ärmer. Es ist leicht einen Castorf zu kritisieren aber selber und besser machen wäre die Maxime.

    1. ps Artikel Autor

      Lieber Herr Schmedemann,
      danke für die Anmerkung zur inzwischen angejährten Kritik. Seitdem haben Chris Dercon mit Tim Renner alles getan, um Castorf zu rehabilitieren.
      Zu Ihrer Forderung – ich soll nicht kritisieren sondern es besser machen: nun, geben Sie mir doch dazu die Volksbühne, schlechter als Dercon schaff ich´s wohl nicht.
      Schönen Gruß
      ps

  2. Reiner Schmedemann

    Lieber Petr Manteuffel,

    Humor haben Sie, ich aber nicht die Verfügungsgewalt über die Volksbühne. So kann aus dem Handel leider nichts werden. Also bleibt Castorf der imaginäre „Gralshüter“ der Volksbühne.

    Schöne Grüße
    Ihr Theaternarr

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