Der Tiefstapler Felix Krull

Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was man zur Theaterhandlung braucht.

So lautet der berühmte Satz aus dem ersten Kapitel von Peter Brooks Leerem Raum, den man vornehmlich in Berlin fleißig zu vergessen strebt, diesem Berlin, wo alle um die Wette schreien müssen, damit sie in dem durch ihr Schreien entstandenen Getöse gehört werden. Als eher abschreckende Beispiele des letzten Jahres kommen mir da in den Sinn die nach dem aktuellen Bestseller werbeträchtig benannten 50 Shades Of Shame der Gruppe mit dem genialen Namen She She Pop (gesehen im Epizentrum des Experiments HAU1) und Faust von Bob Wilson/ Herbert Grönemeyer (Berliner Ensemble, großes Haus). Ich fühlte mich gut unterhalten und noch besser gelangweilt. Übriggeblieben ist ein Konzert aus Video über- und durcheinander, Fratzen, mittelalten männlichen und weiblichen Unterleiben sowie Feuerwerk und Lichthupen.

Am 14. Mai sah ich nun im im Pavillon des BE zwei Ernst-Busch-Studenten ein paar Szenen nach Thomas Manns Felix Krull spielen. Dramaturgisch unternahm der Abend denn auch keine Anstrengung, mehr zu sein, zwischendurch streifte er bei Französisch-Etüden und Liedgesang die Grenze zum Kabarettistischen. Aber wie klein waren dabei die Gesten und Reaktionen des fünfundzwanzigjährigen Leonard Scheichers, und wie aufmerksam und erwartungsvoll sah er seinem Mitspieler Felix Strobel zu! Beide spielten viele Rollen mit minimalen Kostümwechseln, kamen streckenweise nur mit weißer Hose und Hemd aus. Bereits der Beginn setzte mit zwei-drei Pinselstrichen den Akzent und die Regeln: Krull (Strobel) betritt den Raum, ein Priester (Scheicher) hört seinen blumigen Ausführungen zu und hält dabei einen Teppichklopfer dazwischen als das Gitter des Beichstuhls. Mehr bedarf es nicht, um die Kirche zu etablieren. Im Nu werden wir daran erinnert, daß Theater eben die Verabredung zwischen Schauspieler und Zuschauer ist, den letzteren mit auf eine Reise zu nehmen.

Wogegen SheShePop und Wilsons Faust daran arbeiten, die Phantasie zu erschlagen.

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