The Situation – ein Stück auch zur Situation des Dokumentartheaters

Yael Ronens dokumentarisches Postkabarett für Gleichgesinnte

(so gesehen in der Vorstellung am 6.Juni 2017, 50. Reprise am Maxim-Gorki-Theater)

http://www.gorki.de/sites/default/files/the_situation_72.jpg

Copyright Gorki

Früher – das ist der Fluch eines gewissen Alters, wo man sich ans Früher erinnern kann geschweige denn mag – früher hieß es Ensemble- oder Schauspielerprojekt. In den achtziger Jahren, des 20. Jahrhunderts wohlgemerkt, ging es meistens um eine Ansammlung unzufriedener Menschen in einer Therapiegruppe oder einem Kurs oder um Leute die auf dem Arbeitsamt warten. Dazu sammelten die Beteiligten eine Zeitlang Ideen, improvisierten, und es entstand dann ein Leporello von Einzelgeschichten, die sich in der gegebenen Situation offenbaren und mehr oder minder zusammenfügen. Dann war, aufgrund der begrenzten Variationsmöglichkeiten des Genres, wieder gut, und man konnte wieder eine well done play oder eine Dramatisierung, Nichtdramatisierung oder ähnlich Konservatives aufführen. (Ein festgelegtes Textstück des Ensembleprojekt-Genres legte übrigens Urs Widmer mit seinen Top Dogs hin.)

Mittlerweile sind das postmoderne und postdramatische Theater ins Land gegangen, und nebenher the graphic novel sowie die oral history. Dokumentar- und Rechercheprojekte überziehen die Bühnen. Fürs interkulturelle Ensembleprojekt ist Yael Ronen zuständig. Sie macht es witzig (das Klischee würde heißen – weil Jüdin), handwerklich ansonsten aber nicht unbedingt besser. So wiederholt sich Geschichte beinahe im marxistischen Sinne, von Tragödie – zum Postkabarett. The Situation, nach der thesenhaften Sexual Crisis, offenbart eine beunruhigende Routine. Der Titel bedeutet zweierlei, vornehmlich die seit Jahrzehnten festgefahrenen Fronten im Nahen Osten, nebenher aber auch die Lage der Migranten in Berlin. Sie ist situiert in einen Deutschkurs, abgehalten von einem wohlmeinenden Dozenten, der mit dem Erfahrungshintergrund seiner Schüler natürlich dauernd überfordert ist. Christine Wahl schreibt dazu im Tagesspiegel (7.9.2015). „Dass die Regisseurin die Konfliktparteien nicht nur in Berlin, sondern speziell in einem Deutschkurs aufeinander treffen lässt, erweise sich als ziemlich genialer Schachzug.“ Merkwürdig, vermutlich hat die Rezensentin Filme wie Italienisch für Anfänger noch nicht wahrnehmen können, genausowenig aber auch die Multikulti-light-Streifen der letzten Zeit, und schon gar nicht das Erfolgsstück Verrücktes Blut, das maßgeblich der jetzigen Gorki-Intendanz beim Sprung vom Ballhaus Naunystraße ins Gorki geholfen hat? Da war gar die Lehrerin mit der koflikteschwängerten Atmosphäre derart überfordert, daß sie ihren Schülern Friedrich Schiller nur mit vorgehaltenem Revolver zu vermitteln vermochte. Ronens Schachzug, wäre man böse, kommt eher als ein genial abgerühstückter daher.

Bewährte Frische bringt da immerhin gleich zu Beginn Orit Nahmias hinein. Ronens Weggefährtin, immer wieder als ihr alter ego apostrophiert, spielt die leicht exaltierte, selbstironische, erotisch aufgeladene Israelin, getrennt lebend von ihrem palästinensischem Mann (gespielt von Yousef Sweidin „wirklichen Leben“ der getrennte Partner Yael Ronens). Nacheinander werden die Geschichten weiterer Auswanderer angerissen. Das ist nicht unbedingt sauber gearbeitet – bald verstehen sie die einfachsten Fragen des Kursleiters wie „Wie heißt du?“ nicht, bald geben sie differenzierte deutschsprachige Auskünfte – aber auf jeden Fall unterhaltsam. Nach einer Stunde jedoch bricht diese Spielanordnung abrupt ab, und der Kursleiter hält einen quälend nichtendenwollenden Monolog, in dem er sich als kasachischer Immigrant outet und die typischen Anpassungsschwierigkeiten einer Auswanderungsgeschichte von sich gibt. Bis zum Ende folgen noch rapportartige Ergänzungen der restlichen Kursteilnehmer. Man kann sich des überstarken Gefühls nicht erwehren, daß mittendrin auf einmal die Probenzeit verbraucht war, und, wie durch einen Schachspieler in Zeitnot, noch schnell mal ein Ende einfach zum Aufsagen drangefügt wurde. (Und siehe da: beim Abschließendem Publikumsgespräch verrät der Schauspieler Dimitrij Schaad, daß die Regisseurin – nota bene nicht die dabei sitzende Dramaturgin – erst drei Wochen vor der Premiere überhaupt mit einem Text gekommen war, und sein Monolog tatsächlich aus einer Improvisation heraus in toto übernommen wurde.)

Die größte Schwäche dieser Art Recherche-Theaters gründet aber in seiner quasidokumentarischen oral-history-Verfahrensweise. So ist die palästinisch-israelische Situation, die den Großteil des Abends ausmacht, noch nicht einmal differenziert dargestellt. Eigentlich müßte es Yael Ronen besser wissen. Oder? Es werden die aus verallgemeinend-westlicher Sicht bekannten Frontverläufe bestätigt, dazwischen als Höhepunkt ein israelischer Araber, verheiratet mit einer Jüdin (das aber bereits hinlänglich bekannt aus Lea Fleischmanns Büchern – oh, Fluch des Erinnerns). Die innerpalästinensischen Differenzen kommen genausowenig zur Darstellung wie die innerisraelischen. Der Erkenntnisgewinn gerät bescheiden. Das ubiquitäre soziologisch-politologische Dilettieren der Theaterleute und Kuratoren greift um sich. Was übrigbleibt, ist der (Selbst)Bestätigungsgewinn für Gleichgesinnte. Am Ende bekommen wir noch eine Ansprache zur Orientierung und zum Ausblick.

Dazu schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (7.9.2015). „’Ich will zeigen, dass wir in diesem Leben mehr Möglichkeiten haben‘, sagt Maryam Abu Khaled. In einem anderen Rahmen wäre das kitschiges Pathos. Hier ist es eine klare Ansage.“ Vermutlich hat Laudenbach das lobend gemeint. Angesichts einer relevanten Thematik ist es vonnöten, daß ein Theaterabend in eine Ansage mündet.

Die guten Absichten übernehmen das Heft des Handelns und pflastern den Weg weiter zum Ausklang des Abends. Barbara Burkhard im Theater heute, welches The Situation zum Stück des Jahres 2016 gekürt hat, meint diesbezüglich: »Im tosenden Applaus für die Schauspieler, die Arm in Arm mit ihrer Regisseurin an der Rampe stehen und alle Hemmschwellen überwunden haben, hat ja schon ein Stück Völkerverständigung stattgefunden.« Jetzt müssen es nur noch die restlichen 1,5 Milliarden Moslems und 14 Millionen Juden verinnerlichen, die sich keine Karte gekauft haben.

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