Woody Allen? Wer war das?

Kampagnen haben wir immer wieder. Wie zum Beispiel vor einigen Jahren die gegen das Rauchen. Sie können auch nützlich sein, haben aber auch ihre Haken. Die Politiker und Gesundheitsapostel argumentierten damals zunächst vordergründig damit, dass die mitbetroffenen Passivraucher gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod erleiden. Nachgerade mit dem Fortschreiten der Gesetzgebung und behördlichen Auflagen wurde immer deutlicher, dass es sich nicht allein um den Schutz der Nichtraucher, sondern um einen generellen Feldzug gegen das Rauchen und nicht zuletzt die Raucher handelt. Ein schönes Beispiel sind die Schwierigkeiten die jenem bereitet werden, der eine Raucherkneipe betreiben will. In drei deutschen Bundesländern geht das gar nicht, in anderen ist es mit Aufwand und Umständen verbunden. Es ist nicht wünschenswert, dass Raucher sich gesellig zusammenrotten. Allerdings wurden durch Prozessieren hie und da von den Rauchern Teilerfolge erzielt, zum Beispiel in Bezug auf die Eckkneipen. Stolz vermelden europäische Gesundheitspolitiker die Abnahme der Raucherpopulation, allerdings tadelte der EU-Gesundheitskommissar anlässlich des Weltnichtrauchertages 2015 Deutschland, da es sich nicht genug anstrenge. Mir selber als Nichtraucher tut diese nicht schützenswerte Minderheit regelrecht leid. Sie wird nicht an Lungenkrebs eingehen, sondern an Unterkühlung, wenn sie winters zum Rauchen vor die Tür verbannt ist.

Das lief vornehmlich 2005 bis 2010 ab, nun haben wir 2018. Gleich nach den Daten-CDs aus der Schweiz gehen die häufigsten Anzeigen beim Finanzamt bezüglich Steuerbetrugs weiterhin von Ehefrauen sebständiger Mittelständler aus, die sich im Scheidungskrieg mit ihrem Noch-Mann befinden. Außerdem ist heuer die Trennung von Woody Allen und Mia Farrow schon fünfundzwanzig Jahre her. Jedoch hat Mia Farrow mehr als gute Gründe, von Woody Allen unverändert gekränkt zu sein. Allen hatte sich wahrhaftig nicht mit Ruhm bekleckert, als er während ihres Zusammenlebens mit der 21jährigen Adoptivtochter Farrows, der Soon-Yi ein Verhältnis anfing. Im anschließenden Trennungs- und Sorgerechtskrieg bezichtigte Mia Farrow ihn unter anderem, ihre siebenjährige gemeinsame Adoptivtochter Dylan missbraucht zu haben. Die Idee, Dylan diesbezüglich psychologisch untersuchen zu lassen, stammte übrigens von Mia Farrows Rechtsanwälten. Im Gerichtsverfahren kamen rechtsmedizinische Gutachter zu dem Schluss, dass Dylan nicht missbraucht worden war. Der Staatsanwalt, wiewohl mit dem Gutachten nicht einverstanden, verzichtete dennoch „um das Kind nicht weiter zu belasten“ auf eine Anklageerhebung. (Andererseits: wenn es schlüssige Beweise gegeben hätte, wäre er wohl verpflichtet gewesen, Anklage zu erheben.) 2013 äußerte die mittlerweile 27jährige Dylan selber die Missbrauchsvorwürfe in einem Interview mit dem Magazin Vanity Fair. 2014, da Allen mit dem Golden Globe für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, schrieb sie einen offenen Brief mit denselben Vorwürfen an die New York Times. Moses Farrow, der gemeinsame Adoptivsohn des ehemaligen Paares, bezeichnete daraufhin die Darstellung seiner Schwester als Produkt einer von Mia Farrow betriebenen Rachekampagne gegen Woody Allen.

Nun haben wir 2018. Inzwischen haben sich dank der #Metoo-Kampagne die Verhältnisse verändert. Im Dezember 2017 erneuerte Dylan ihre Vorwürfe in Los Angeles Times mit dem Artikel „Warum hat die #MeToo-Revolution Woody Allen verschont?“ Im Januar wiederholte sie es unter Tränen in einer CBS-Show. Am selben Tag erklärte Colin Firth, keinen Film mehr mit Allen drehen zu wollen. Mira Sorvino, Rachel Brosnahan, Greta Gerwig, Rebecca Hall und Timothée Chalamet haben ihre Zusammenarbeit mit Allen öffentlich bereut. 2013 und 2014 fühlten sie sich durch die Vorwürfe gegen Allen nicht gestört. Die beiden letzteren wollen das Honorar von ihrem letzten Film mit Allen zurückzahlen (es wäre interessant zu erfahren, inwiefern sie es auch tun werden). Das Verfahren hat etwas vom Ritual der Selbskritik-Auftritte bei kommunistischen Parteiversammlungen. Einigen der Stars werden dies womöglich ihre Agenten im Interesse der weiteren Karriere nahegelegt haben. Würden sie weiterhin mit Allen in Verbindung gebracht, könnte die Ansteckung auf sie übergreifen. Nicht zuletzt erinnert mich das an die Situation meiner Eltern in den siebziger Jahren in Prag. Als die Partei sie beide mit Berufsverbot belegt hatte, wurden sie mitten im historischen Zentrum von ihren noch gar nicht so ehemaligen Kollegen gemieden, die selbst bei einer zufälligen Begegnung auf die andere Straßenseite hinüberwechselten. Und sie wussten warum.

In Allens Causa, so es eine gibt, steht nun sicherlich Aussage gegen Aussage, dennoch ist wichtig festzuhalten: die Beschuldigung, er habe die damals siebenjährige Dylan missbraucht, wurde vor dem Gericht verhandelt, und es kam weder zur Anklageerhebung noch gar zur Verurteilung. Hierbei greift also noch nicht einmal das in Talkshows und Zeitungen durchdeklinierte Argument, dass die Vergewaltiger selten vors Gericht gebracht würden, womit die Verfechterinnen von #Metoo das Prinzip der Unschuldsvermutung für letztlich irrelevant erklären. Hier wird die rechtskräftige Entscheidung eines New Yorker Gerichts durch Tränen in einer Fernsehshow außer Kraft gesetzt. Statt Vorverurteilung gibt es halt Nachverurteilung. Mitbeschuldigt mitgehangen. Alle (beschuldigten) Männer sind Vergewaltiger, mehr oder weniger, zumal wenn sie erfolgreich sind, denn Erfolg bedeutet Potenz, selbst bei einer derart betonten Antithese der Maskulinität wie Woody Allen sie präsentiert.

Die Abendzeitung titelte am 19.Januar: „Sind Woody Allens Tage in Hollywood gezählt?“ Die F.A.Z. am 20. Januar: „Wird das der letzte Film von Woody Allen?“ Vorläufig letzte Nachicht: Woody Allens neuester Film wird eventuell von der Produktionsgesellschaft gar nicht auf den Markt gebracht. Ich persönlich rechne mich nicht zu den Fans Allens. Etwas flapsig und sehr verkürzt formuliert, verdankt er in meinen Augen seine großen Erfolge wie Stadtneurotiker und Manhattan dem Ersetzen der Liebes- durch die Beziehungskisten-Komödie, wobei die Struktur des boy meets girl unverändert blieb; entsprechend wurde die Personnage durch einen Psychiater ergänzt. Am besten gefiel mir sein Bullets Over Broadway, bei dem er dieses Schema seit einiger Zeit hinter sich gelassen hatte. Überdies lässt mich, ob der zweiundachtzigjährige Lustgreis nun seinen über fünfzig Filmen weitere zwei oder vier hinzufügt, eigentümlich gleichgültig. Unbestreitbar gehört er jedoch zum filmisch kulturellen Erbe Amerikas der 70er und 80er Jahre. Und darum geht es hier: um dessen Auslöschung, um die damnatio memoriae. Laut einem Bericht der Welt hat Mia Farrows Familie Woody Allen aus alten gemeinsamen Photos mit Photoshop wegretuschiert, nicht unverwandt den Aufnahmen vom sowjetischen Politbüro der Stalinzeit, von denen ein Genosse nach dem anderen verschwand wie die Musiker in Haydns Esterházyscher Abschiedssinfonie. Genauso soll Allen, wenn es nach Mia und Dylan Farrow ginge, aus der Kinematographie verschwinden. Vielleicht würde aber auch als milde Variante durchgehen, wenn er aus Stadtneurotiker, Manhattan und Zelig rausgeschnitten wird.

Erinnert sich jemand an den Fall des Lehrers Horst A. aus Reichelsheim im Odenwald, der von seiner Kollegin 2001 der analen Vergewaltigung während der großen Pause im Chemieraum bezichtigt wurde – sowas muss man erstmal schaffen, aber er war ja Sport- und Biologielehrer – und fünf Jahre Haftstrafe absitzen musste? 2011 stellte das Landgericht Kassel im Wiederaufnahmeverfahren A.s Unschuld „zweifelsfrei fest“. Dennoch erhielt er seine Anstellung als Lehrer nicht wieder, und starb als Hartz-IV-Empfänger mit 53 Jahren. Seine Kollegin hatte ihn angezeigt, weil er mit ihr um einen Beförderungsposten konkurrierte. Nein, lieber wollen wir uns nicht daran erinnern. Wer sich jetzt an sowas erinnert, könnte ein Sexist sein.

Natürlich nutzen tausende erfolgreiche Männer (und einige Frauen) ihre Position zur sexuellen Belästigung aus. Und tausende wiederum nicht. Und etliche werden übrigens verführt. Aber mit solchen kleinlichen Unterscheidungen können sich Kampagnen nicht abgeben. Wo geholzt wird, fliegen Späne, man bzw. frau kann sich nicht mit dem einen oder anderen ungerecht Beschuldigten aufhalten, wenn ́s ums Ganze geht.

Kampagnen eben.

NACHTRAG

Die Atmosphäre ist eine andere. Nehmen wir den – hoffentlich hypothetischen – Fall, dass ich am Montag mit meiner Freundin schlafe, sie mich am Mittwoch jedoch mit meinem besten Freund betrügt. Am Freitag verrät mir das der Freund bei einem Bier. Nachträglich gesehen fühlen mein Freund und ich uns beide missbraucht. Hätten wir gewusst, dass sie mit dem jeweils anderen ins Bett steigen würde, hätte weder ich noch er Lust auf Sex mit ihr gehabt. Also geschah der Sex eigentlich nicht einvernehmlich. Sex gegen jemandes Willen ist Vergewaltigung. Ergo zeigen wir meine Freundin wegen zweifacher Vergewaltigung an. Die Polizei nimmt die Anzeige auf. Kommt Ihnen das schwachsinnig vor, oder absurd? Nun, das ist exakt der Grund, warum Julian Assange seit fünf Jahren in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt. Er hatte hintereinander mit zwei befreundeten schwedischen Aktivistinnen geschlafen, diese zeigten ihn, als sie sich danach ausgetauscht hatten, an, eine blonde schwedische Staatsanwältin um die Fünfzig eröffnete das Verfahren, Schweden ersuchte England um die Ausgabe Assanges, dieser flüchtete in die ecuadorianische Botschaft weil er die Herausgabe von Schweden an die USA befürchtete, wo ihm ein Lebenslänglich wegen Wikileaks droht. (2017 hat Schweden – nach Jahren – die Anklage fallen lassen, aber der Haftbefehl in England wegen der Flucht vor der englischen Polizei in die Botschaft dauert an.)

Der Fall erinnert nicht zufällig an Anklagen wegen gebrochenen Heiratsversprechens zu viktorianischen und wilhelminischen Zeiten, wenn der Mann (sic!) nach bereits erfolgtem Geschlechtsverkehr die Verlobung aufgelöst hat. Schon 1837 macht sich Charles Dickens, der Autor von Oliver Twist, in seinem satirischen Roman Pickwick Club über den Tatbestand des gebrochenen Heiratsversprechens lustig.

Die Schweden brauchen keine Kampagne, sie haben bereits den Istzustand.

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