Theaterkritik

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Drei alte Männer

Notizen aus der der Vorstellung „Das letzte Band“ vom 8. Februar 2015, Berliner Ensemble

Ein französischer Kritiker hat die Akkulturation Samuel Becketts sinngemäß apostrophiert: „En attendant Godot“ war 1953 bei der Premiere ein Theaterskandal, acht Jahre später, 1961, dann ein offizielles Schaustück des Repräsentationstheaters. (Merke: das Herumpusseln im Existenziellen hatte damals das Potential zum Skandalösen.) Der Monolog „Krapps Last Tape“ von 1958 hat nun spätestens seit Peter Steins Inszenierung mit Klaus Maria Brandauer in der unweigerlichen Hauptrolle den Weg von der minimal art zum Event zurückgelegt. Das Stück über einen alten Mann, dem sein Leben nur noch als eine Revue vor Jahren von ihm aufgesprochener Bandaufnahmen widerfährt (eine Fortsetzung und Zuspitzung findet das Thema später in Becketts kurzem Einakter „Words and Music“), wurde diesmal, also 2013, durch die Kulturstiftung der Sparkassen gefördert, in der Schinkelkirche Neuhardenberg zur Premiere gebracht. Nach Gastspielen in Wolfsburg, Wien, Lissabon und Moskau ist die Produktion endlich am Berliner Ensemble angedockt, wo sie durchaus ein gewisses Faszinosum, allerdings umso mehr ihre grundlegenden Probleme entfaltet.

Das Problem Nummer eins sind drei alte Männer. In der Reihenfolge ihrer Einwirkung handelt es sich um Brandauer, Stein, Peymann. Was sich aus dieser Konstellation ergibt, folgt in den weiteren, eng miteinander verwobenen Punkten.

Problem Nummer zwei ist der Raum. Becketts Text hätte am BE allenfalls auf die Probebühne oder in den Pavillon gehört. Unter das Große Haus macht es freilich der BrandauerSteinPeymann nicht, und kaufmännisch gesehen behält man auch Recht: tout Berlin geht hin, wiewohl ein Zehntel Berlin in der ersten Hälfte die Vorstellung wieder verlässt. Von der vierzehnten oder achtzehnten Reihe aus verfolgt der interessierte sitzen gebliebene Zuschauer also statt der üblichen Wilsonschen Beleuchtungs- und Ausstattungsorgien diesmal eine vereinzelte, nahezu erstarrte Kreatur, ein Etwas von schwer erkennbarer Mimik unterm Kegel einer schwachen Lampe, das dort im Dunkeln weit vorne in kastratenhaftem Singsang vor sich her schimpft, brabbelt und rülpst. „Wir spielen uns in einem Kopf ab“, heißt es bei Beckett an einer anderen Stelle. Am Schiffbauerdamm spielen wir uns, wie bereits Canetti angemerkt hat, in einer Arena der bürgerlichen Selbstbestätigung ab, sei es selbst in der Form von Selbstkasteiung. Die rudimentären Regungen einer verlöschenden Psyche bekommen hier keine Chance, in die Wohlfühlmasse des vollbesetzten Saales zu dringen.

Problem Nummer drei ist die Zeit. Mit einer gewissen Vorfreude wie so oft im Theater sitze ich vor dem Beginn der Vorstellung da; nachdem die Saallichter heruntergefahren werden, finde ich mich unvorbereitet in der bundesdeutschen Aufführungspraxis der achtziger Jahre wieder, wo man sich vollkommen entspannten Geistes unbegrenzt viel Zeit nehmen und die Langsamkeit entdecken durfte. Zunächst kommt ein obligat einleitendes, über eine Viertelstunde gestrecktes stummes Spiel. Der Übergang zum Text erfolgt recht geschmeidig in dem Moment, als man ihn eigentlich nicht mehr erwartet hat. Die wenigen Handlungen oder vielmehr Verrichtungen des hinterm Tisch sitzenden Krapp spielen sich realistisch ab, und wie realistisch; allerdings im Realismus der zivilen Zeit, nicht in jenem der verdichteten Theaterzeit. Wenngleich den Zuschauer periodisch die Bewunderung überkommt, wie Brandauer, einer Butoh-Figur nicht unähnlich, in dieser Verlangsamung streckenweise die Spannung zu halten vermag, ermüdend ist es auf die Dauer allemal.

Problem Nummer vier ist – in loser Anknüpfung an Becketts Vorliebe für Commedia-dell´arte-Figuren vom Schlage Buster Keatons – die Entscheidung für die Interpretation des absurden Dramas als Clownstheater einschließlich wirrem Haarkranz und roter Knollennase. De facto werden dadurch Krapps Figur die Ausdrucksmittel beschnitten, und was übrig bleibt, balanciert immer am Rande des Klischees vom gescheiterten Clown.

Zu guter Letzt gibt es da, gewissermaßen zusammenfassend, das Problem Nummer fünf, das der dramaturgische Bogen oder vielmehr seine Absenz darstellt. Im Interview mit der ZEIT äußerte Peter Stein über das Stück, es sei ein Nichts zu spielen, nichts als das Vermodern, Versaufen, Versacken einer Figur. Das so formulierte Konzept hat er  mit Brandauers Beihilfe denn auch maßstabgetreu umgesetzt. Nehmen Sie mal den Text selber in die Hand, und Sie werden schnell bemerken, dass er sich bei aller Reduktion in Grundzügen an der klassischen Dramaturgie orientiert. Wiewohl in abgeflachter Form, sind darin durchaus Merkmale von Exposition – Steigerung- Höhepunkt – Katastrophe/ Auflösung zu erkennen. Nicht so am Berliner Ensemble. In Brandauer-Steins Interpretation  wird ein stationärer Zustand exerziert, der Protagonist ist am Anfang und dem Ende identisch, eine wie auch immer geartete Entwicklung findet so gut wie nicht statt – und sei es die Entwicklung des Zuschauers.

Es seien die Positiva nicht unerwähnt: Erstens demonstriert Brandauer wiederholt mit geradezu schmerzlicher Überzeugungskraft, wie man mit minimaler Bewegung einen Schauspielmoment hält. Zweitens – seine Stimme vom Band. Eine Modulationsfähigkeit, die gerade in den ruhigen oder sogar, für Beckett ungewöhnlichen, lyrischen Strecken ins Mark geht. Wir würden uns mehr Hörbücher von Brandauer wünschen.