Zeitgeschichtliches

Postfaktisch und Narrativ

Postfaktisch ist dabei, das Narrativ abzulösen. Narrativ hatte sich vor einiger Zeit aus dem Amerikanischen – Amerika, du hast es besser – nach Europa eingeschifft, nach Deutschland, und von dort weiter nach Tschechien und in den ehemaligen Ostblock, auch dort kann man es mittlerweile, nach einer gewissen Verspätung mit der sie eben der Zivilisation hinterherhinken, in den seriöseren Publikationen lesen. Eine Zeitlang ging man in Deutschland nicht einmal mehr pinkeln, sondern man folgte dem Narrativ des Urinierens. Für das Postfaktisch hingegen wird von Vielen, wenn es auch eine Adaptation des englischen „post truth“ sein mag, in seiner Nutzung und Ausformulierung das Siegel eines biodeutschen Produkts reklamiert. Das wäre schon mal ein Pluspunkt, nicht nur aus Gründen des Patriotismus sondern auch aus denen der Ökologie, weil seine Nutzung dann geringere Transportwege in Anspruch nähme. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat es 2016 zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Früher hieß so etwas Lüge, Verblendung, Ignoranz. Präpostfaktisch gesehen die eigentlichen Wörter Jahres.

Gegenüber dem leicht anämischen Narrativ hat Postfaktisch freilich einen wesentlichen Vorteil. Allein indem er es in den Mund nimmt, stellt sich der Sprecher in die Position desjenigen, der sich in Besitz faktenorientierter Wahrheit befindet und sie auch Anderen nicht vorenthalten mag. Es ist also besonders erfreulich, daß die Vokabel derart gehäuft ausgerechnet von Politikern benutzt wird. (Wie harmlos war doch das Narrativ, das ja niemandem ein Haar krümmen konnte.) Bei der allgemeinen Inflation in ihrer Nutzung wird, wenn alle schreien „Haltet den Dieb!“,  es wohl am lautesten der Dieb selber mitschreien. Und die ganze Angelegenheit landet zuletzt beim kretischen Paradoxon. Ein Kreter sagte: „Alle Kreter sind Lügner! „